Zentralbibliothek Dresden: Unzählige Buchrücken starren mich an.
Heute Nachmittag suchte ich Zuflucht in der Dresdner Zentralbibliothek. Es ist ein Ort, den ich schätze – hier trifft das pulsierende Leben der Stadt auf die Stille des Wissens.
Doch meine Gedanken waren alles andere als still. Ich stand vor dem Regal mit der Signatur für Biografien und Musikgeschichte. Unzählige Buchrücken starrten mich an, alle mit demselben Namen bedruckt: Ludwig van Beethoven.
Während ich in mehreren Büchern blätterte und las – schließlich zwei Bände unter den Arm klemmte – wurde mir die Absurdität und gleichzeitig die Tragik unserer Mission im Jahr 2026 bewusst.
Wenn wir heute von „Ludwig“ sprechen, wen meinen wir eigentlich?
In meinem Kopf formte sich ein Bild von vier Persönlichkeiten, die wir in diesem einen Mann, der nun bei Künstler Johannes Frauenschuh in Wien am Rechner sitzt, vereinen müssen:
Da ist Beethoven der Erste (1796): Der junge Löwe, den wir eigentlich auf unserer Tour begleiten wollten. Ein Mann ohne körperliche Qualen, die Taschen voller Unternehmergeist, die Seele voller Eitelkeit und göttlichem Talent, am Klavier zu improvisieren. Er will der Welt zeigen, was ein Genie er ist.
Ihm gegenüber steht Beethoven der Zweite: Der Revolutionär nach der Krise von 1802. Er hat in Heiligenstadt den Tod abgelehnt und die Mission gewählt. Er will die Menschheit brüderlich umarmen, Standesunterschiede einreißen und die Welt durch Töne vereinen.
Dann sehe ich Beethoven den Dritten: Den einsamen, kranken Titanen der letzten Jahre. Völlig taub, in einer Welt aus harten Schwingungen gefangen, komponiert er gegen das Grab an. Er schreibt Musik, die zu seiner Zeit niemand versteht – Botschaften aus einer anderen Sphäre.
Und schließlich ist da unser Gast: Beethoven der Vierte. Der Mann im Jahr 2026. Er besitzt den Körper des jungen Mannes von 1796, trägt aber die Last und das Wissen des 56-jährigen Genies in sich. Er ist in eine Zukunft katapultiert worden, die ihn mit Bildern vom Mond und vom Elend der Welt überflutet. Er ist verwirrt, niedergeschlagen und doch hellwach.
Ich saß lange an einem der Tische in der Bibliothek und starrte aus dem Fenster auf den Altmarkt. Eine Frage ließ mich nicht los:
Wie würden diese vier Versionen Beethovens eigentlich miteinander reden?
Würde der junge, eitle Virtuose den tauben Greis verspotten? Würde der Revolutionär den verzweifelten Rückkehrer von 2026 zur Ordnung rufen? Oder würden sie alle gemeinsam schweigen angesichts dessen, was aus ihren Träumen im 21. Jahrhundert geworden ist? Ich habe die Bücher ausgeliehen, um Antworten zu finden.
Doch ich ahne: Die Antwort liegt nicht in den Büchern, sondern in der Reise, die uns bevorsteht.
