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Reisetagebuch

Frank Wallburger (Reiseleiter)

Gedanken zur Totenstille in Wien

Nichts von Johannes, erst recht nichts von Beethoven.
Mache mir Sorgen.
Was passiert da im 14. Bezirk? Penzing. Das liegt weit draußen.
Vielleicht ist er geflüchtet? Raus aus der Wohnung.
War er allein unterwegs oder hat Johannes ihn an die Hand genommen?

Stelle mir vor, wie er zur Gloriette hochsteigt.
Kalter Wind.
Dort oben der Blick über Wien. Er sieht das alte Erbe und dazwischen den ganzen neuen Glas-Beton-Lärm.

Oder sucht er die Nähe der Toten? Vielleicht war er auf dem Hütteldorfer Friedhof.
Gleich ums Eck.
Steht er dort vor den fremden Gräbern und schwadroniert über das Ende?
Sein eigener Tod im Jahr 1827 – für ihn war es erst gestern.
Er sieht die Jahreszahlen auf den Steinen. 1914, 1945, 2020.
Ein ganzes Meer aus Zeit, die er einfach übersprungen hat.
Vielleicht sucht er dort die Stille, die ihm die Lebenden nicht geben können.

Und zu Hause?
Johannes ist Maler. Beethoven hat sich nie für Bilder interessiert. Nichts übrig für bildende Kunst.
Johannes liebt sein Gelb.
Ludwig liebt seine Töne.
Wagt Johannes es trotzdem?
„Schau mal, Ludwig, das ist moderne Malerei...“ Ich sehe Beethovens Gesicht vor mir.
Ein Knurren.

Vielleicht sitzt er auch nur wieder starr vor dem Rechner. Sucht er im Netz nach Stille?
Oder nach Menschen, die es nicht mehr gibt?
Oder (…)

Das Schweigen in Wien fühlt sich schwer an.