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Reisetagebuch

Johannes Frauenschuh (Wien) an Frank Wallburger (Reiseleiter)

Ludwig van Beethoven ist bei mir!

Lieber Frank, Ludwig van Beethoven ist nun bei mir!

Ich war gestern am Stephansplatz vor dem Wiener Dom, dort habe ich ihn gefunden. Es war grauenvoll, den lieben Ludwig in solch einem erbärmlichen Zustand zu sehen! Den großen Beethoven...!

Auf dem Weg zu meiner Wohnung im 14. Wiener Gemeindebezirk besorgte ich noch Lebensmittel und mit seinem zustimmenden Nicken ein paar Flaschen süßen Wein. Ludwig schwieg die ganze Zeit über; hielt sich im Supermarkt fest an meinen Arm geklammert. Als ich an der Kasse mit Karte bezahlte, hörte ich ein leichtes Knurren von ihm.

Erst unter der Dusche taute er emotional wieder auf. Es war für ihn ein Wunder, wie das Wasser aus dem Duschkopf sprudelte: erst kalt, dann dampfend heiß, wieder kalt, wieder heiß usw.; - über beinahe eine Stunde lang ging das so! „Das heiße Wasser müsse doch extrem schmerzen?“, meinte ich zu ihm. Er hingegen riss die Arme nach oben, ballte die Hände und schrie: „Ta – Ta – Ta – Taaaam“. Bei kaltem Wasser trällerte er „Tarammdada – Tarammdada – Tarammdada“ - scheinbar Akkorde seiner großen Fuge und wackelte dabei kräftig mit dem Hintern. Was für ein Spaß!

Nur über Dich, lieber Frank, hatte er wenige, aber dafür wirklich unschöne Worte parat. Ich erspare mir und Dir, Beethoven an dieser Stelle zu zitieren.

Nach dem gemeinsamen Abendessen - klarerweise verwöhnte ich ihn mit Kalbsschnitzel à la Frauenschuh - zeigte ich ihm am Laptop Videos über unsere heutige Welt: der Flug zum Mond vor über fünfzig Jahren, Spaziergänge durch die Metropolen New York und London, Videos zu den beiden schrecklichen Weltkriegen im 20. Jahrhundert; er sah die Schlange von Bergsteigertouristen am Everest, voll besetzte Safari-Autos in Tansania, feiernde Jugendliche auf einer Techno-Party, Mülldeponien im globalen Süden, Ghettos in Kapstadt und Obdachlose in Berlin, Bilder von großen Open Air Konzerten mit tausenden Zuschauern, Traumlandschaften in der Toskana, Mammut bäume in Kalifornien, Eisberge in der Arktis, das Great Barrier Reef vor Australien etc., etc.

Ich öffnete Beethoven etwa auch das Internetportal der Stadt Wien und wie er mit Hilfe der Suchmaschine sämtliche nützliche Informationen finden kann. Die ganze Nacht hat er viel weintrinkend vor dem Bildschirm durchgemacht. Jetzt schläft er und ich kann Dir endlich diese Nachricht senden. Ich hoffe, Du bist wohl auf und ich freue mich auf Deine Rückmeldung!

Viele Grüße aus Wien, Johannes