Drei Fragen an: Frank Wallburger
Initiator, Gesamtprojektleiter und Reiseleiter der "Beethoven Art Tour 1796 | 2026
"Was hat Dich bewogen, das Tour-Projekt 2026 mit einem fiktiv-lebenden Ludwig van Beethoven ins Leben zu rufen?
Im weitesten Sinne liegen die Wurzeln weit zurück, in den Jahren zwischen 1969 und 1974. Ich bin Jahrgang 1964 und wuchs als Kind einer Arbeiterfamilie in der ehemaligen DDR auf. Ich war das, was man ein „Kuckucksei“ nennt: Mein Wesen passte so gar nicht in die Familie, wie meine Mutter oft betonte. Als „Draußenkind“ und neugieriger Einzelgänger waren Wälder, Bäche, Steinbrüche, verlassene Orte und abenteuerliche Mülldeponien jener Zeit meine Welt.
Doch zum Jahreswechsel 1969/70 passierte etwas Einschneidendes: Ich sah und hörte eher durch Zufall zum ersten Mal die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven in voller Länge im Fernsehen. Meine Augen und Ohren waren weit geöffnet. "Was ist das?"
In der Folgezeit gab es weitere Ererignisse, die ich über Fernsehbilder vernahm. Namen brannten sich in meinen Kopf ein. Namen, die nicht mehr von meiner Seite wichen bis heute.
Marc Rothko, dessen Freitod am 25.02.1970 mit der Ankunft seiner monumentalen „Mural“-Schenkung in der Londoner "Tate" zusammenfiel; das Drama am Nanga Parbat von Reinhold Messner um seinen durch eine Lavine tödlich verschütteten Bruder Günther (Juni 1970); der Tod von Pablo Picasso am 08.04.1973 und sein „Guernica“ Gemälde sowie die Veröffentlichung von Pink Floyd legendärem Album „The Dark Side of the Moon“ (1973). Den Abschluss bildete 1974 der damals zehnjährige Garry Kasparow, der in einer Simultanpartie dem Schach-Titanen Michael Tal gegenübersaß. Elf Jahre später wurde Kasparow als nicht kalkulierbarer, antisowjetischer Rebell Weltmeister; dominierte danach die Schachwelt über viele Jahre.
Was alle Namen vereint: Sie überschritten Grenzen und trotzten gewaltigen Krisen. Sie verwandelten mich mit der Zeit vom verspielten Einzelgänger in einen visionären Projektmenschen, der den Widerstand liebt. Beethoven thront aber auch hier über ihnen allen. Diese Tour 2026 ist eine Hommage an sein Leben und Werk, aber auch ein stilles Dankeschön an meine „Eingebrannten“.
Wenn Beethoven Dir gegenüber sitzen würde: Welche Themen sprichst Du an? Welche Fragen stellst Du?
Ganz klar! Mein Thema wäre die Zeit zwischen der Uraufführung der Neunten 1824 und seinem Tod 1827. Ich würde ihm eigentlich nur eine einzige Frage stellen, um ihm Raum für einen langen Monolog zu geben:
„Maestro, erzählen Sie mir: Was genau lief in Ihrem Kopf ab, als die vollständige Taubheit nicht zu heilen, die Isolation von der Welt der letzte Rettungsanker war und unendliche körperliche Schmerzen todgeweit emporstiegen. Woher kamen trotz dieser Zustände die Töne Ihrer letzten Streichquartette?"
Wenn Du entscheiden musst, welche drei Werke von Beethoven in Deinem Ranking oben stehen – wie antwortest Du?
Meinem Naturell kommt die 3. Sinfonie, die „Eroica“ am nächsten – ich mag das Heroische und den Grenzgang. Doch die 7. Sinfonie op. 92 ist von all seinen Sinfonien diejenige, die mir am besten gefällt. Sie liefert solch eine Energie, dass man Bäume rausreißen möchte.
Natürlich muss ich die Waldsteinsonate nennen – ein bahnbrechendes Meisterwerk, eine „Sinfonie ohne Orchester“. Aber meine Nummer zwei ist seine letzte Klavier Sonate Nr. 32 op. 111. Wie er dort Variationen aufbaut, wie es plötzlich modern swingt, um sich dann mit Abschiedsakkorden ins Universum zu verflüchtigen – da bekomme ich jedes Mal Gänsehaut. Er war seiner Zeit so weit voraus!
Noch einmal nachgedacht. Ein Ranking von Beethovens Werken zu machen, verletzt zutiefst den Geist des "Meisters" im Kontext seines Lebens. Ich entscheide mich letztlich für das Violinkonzert op. 61: ein Werk von unglaublicher Klarheit. Besonders die Aufnahmen der Solistin Hilary Hahn sind für mich das Maß der Dinge.