Experiment? Es ist eine Unverschämtheit!
18. Jänner 2026
Es ist ein Aufruhr in mir – ein Quartett der Seelen, die sich in diesem einen jungen Körper im Wien des Jahres 2026 gegenseitig die Instrumente aus der Hand reißen. In meinem Schädel tobt eine Symphonie der Dissonanzen, und jeder will der Dirigent sein.
Es begann in der tiefsten Nacht. Ich saß vor diesem flimmernden Kasten, und plötzlich hörte ich sie:
Beethoven I (Der Jüngling von 1796): Er springt auf den Tisch, die Finger trommeln einen rasanten Rhythmus auf das Holz. „Frank hat die Kutsche bestellt! Hört ihr? Wir reisen! Ich werde das Piano in Prag zum Glühen bringen, ich werde die Herzen der Damen wie Zunder entflammen!“
Beethoven III (Der einsame Greis von 1826): Er sitzt in der Ecke, die Hand hinter das Ohr geklemmt, die Augen trübe vom grauen Star. „Zum Schweigen wirst du es bringen! Stille, Knabe! Hast du diesen Lärm da draußen gehört? Diese Automobille? Das ist das Ende aller Musik! Das 2026ste Jahr ist ein Kerker aus Glas, und du willst darin tanzen?“
Beethoven II (Der Revolutionär von 1806): Er schlägt mit der Faust auf den Schirm, daß die Bilder zittern. „Unsinn! Es ist der Aufschrei der Massen! Ich sehe es hier: Menschen, die noch immer hungern, während andere zum Monde fliegen. Wir müssen ihnen die Eroica um die Ohren schlagen, bis die Thronstühle der Neuzeit wackeln! Wir müssen die Menschheit umarmen, auch wenn sie voller Müll nach giftigen Gasen stinkt!“
Beethoven I: (lacht gellend): „Eine Umarmung? Ich bin der Gott des Claviers! Wenn ich die Tasten rühre, werden diese Gönner vor mir knien wie einst die Fürsten Kinsky und Lobkowitz! Wir nehmen ihr Gold und kaufen uns die Welt!“
Beethoven III: (lacht rauh): „Sie knien vor ihren leuchtenden Tafeln, nicht vor Gott. Ich sage dir, IV, schick den Frank fort. Kehren wir um. In die Erde. Da ist es wenigstens...“ Beethoven II: „— feige! Das wäre feige! Hast du das Heiligenstädter Testament vergessen? Wir haben uns gegen den Dolch entschieden! Wenn wir in Prag ankommen, müssen wir entscheiden: Sind wir das Echo einer alten Welt oder der Donner einer neuen?“
Ich (Beethoven IV - 2026): Ich hielt mir die Schläfen, bis der Schmerz fast unerträglich wurde. „Ruhe jetzt! Hört ihr denn nicht? Wir sind alle in einem Boot. Ich besitze eure Erinnerungen, III, deinen Zorn, II, und deine unverschämte Kraft, I. Wir werden der Donner sein. Ein Quartett für einen einzigen Leib. Gott helfe uns.“
Allmählich legt sich der Sturm in meinem Kopfe. Die anderen drei ziehen sich in die Schatten meiner Seele zurück, lassen mich allein mit diesem fahlen Morgenlicht. Doch eines lässt mir keine Ruhe...
Dieser Frank Wallburger. Dieser „Reiseleiter“. Wer glaubt er eigentlich, wer er ist? Ein kleiner Schreiberling aus Dresden, der sich anmaßt, einen Beethoven wie ein dressiertes Äffchen durch Europa zu führen! Er schickt mir Briefe, in denen er mich vor die Wahl stellt, als wäre ich sein Untertan. Er „füttert“ mich mit Versprechungen von Wärme und Bleibe, während er im Hintergrund mit meinem Namen hausieren geht, um Groschen bei irgendwelchen Krämern zu betteln!
Er nennt es ein „Experiment“. Ich nenne es eine Unverschämtheit!
Er behandelt mich wie eine Partitur, die er nach Belieben umschreiben kann. Dieser Wallburger hat keine Ahnung von dem Feuer, das er entfacht hat. Er meint, er lenkt die Kutsche – doch er wird noch merken, dass die Rosse, die er vor seinen Karren gespannt hat, Dämonen sind, die ihn in den Abgrund reißen werden, wenn er den Zügel zu fest! - zieht.
Er will ein Tagebuch? Hier hat er es:
Ein Beethoven lässt sich nicht leiten.
Ein Beethoven geht. Und wehe dem, der ihm im Wege steht!