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Reisetagebuch

Johannes Frauenschuh (Wien)

Organische Formate

Draußen fällt der Schnee in einer Dichte, wie ich es in Wien lange nicht mehr erlebt habe. Die Geräusche sind gedämpft, die Bewegungen verlangsamt. Drinnen in meiner Wohnung hingegen ist es warm, die Mauern halten die Kälte fern, und in diesem geschützten Raum beginne ich zu malen.

Beethovens dritte Symphonie erfüllt den Raum, später die vierte. Ich höre aufmerksam, fast tastend, als würde ich mich vorsichtig durch ein Gelände bewegen, das ich zwar kenne, aber noch nicht wirklich betreten habe. Mein Zuhören ist ein bewusstes Sich-Annähern an Beethovens Œuvre, kein beiläufiges Hören. Während die Musik sich entfaltet, denke ich darüber nach, was ein „moderner Mensch“ zu Beethovens Lebzeiten gewesen sein könnte. Welche Haltung, welche inneren Spannungen, welche Formen von Selbstbehauptung machten einen Menschen damals modern? Vielleicht ist es der Mut zur Eigenständigkeit, zur Reibung, zum Überschreiten bestehender Formen...?

Beim Malen greife ich immer wieder zu Gelb, es drängt sich förmlich auf. Gelb ist für mich eine Farbe des Selbstbewusstseins, der inneren Klarheit, heute vielleicht auch des Widerspruchs gegenüber das allzu Gedämpfte verursacht durch den Schneefall. Ich empfinde einzelne Momente der Eroica als heroisch, diese musikalischen Gesten richten sich förmlich um mich herum auf und fordern Raum ein.

Mir scheint, zwischen den gelben Flächen meiner Malerei und der Musik entsteht eine stille Analogie, eine Art Resonanz. Einige der Formen, die ich konstruiere, erinnern an Pilze bzw. Fruchtkörper, die aus dem Weiß der Leinwand hervortreten. Ich frage mich, welche Instrumente eines Orchesters formal mit Pilzen oder Schwämmen verwandt sein könnten: die Rundungen der Hörner, die geöffneten Schalltrichter, die atmenden Körper, die Saiten-artigen Lamellen. Und weiter: Wenn die sichtbaren Fruchtkörper die Instrumente sind, könnte dann etwa das Mycel, dieses verborgene Netzwerk unter der Oberfläche, dem Klang selbst entsprechen?

Der Sound, der den Raum durchzieht, sich mit der Umgebung mischt, unsichtbar bleibt und doch alles verbindet? Gleichzeitig versuche ich, Gegenständlichkeit bei meinem bildnerischen Tun heute zu vermeiden. Ich will nicht abbilden, sondern andeuten, nicht festschreiben, sondern offenhalten.

Immer deutlicher wird mir: Rechteckige Bildträger, wie die Leinwand vor mir, sind für meine weiteren Untersuchungen in Bezug auf Leben und Werk von Beethoven wohl zu begrenzend; sie erscheinen mir zu starr, zu abgeschlossen. Wenn ich mich Beethoven weiter annähern will, brauche ich wohl organischere Formate. Ich werde nach Formen suchen, die sich ausdehnen, die atmen und widersprechen dürfen.

Am Ende der 4. Symphonie entscheide ich: Mithilfe von KI will ich aus dem heute entstandenen Bild eine Postkarte entwerfen: eine Postkarte, adressiert an Ludwig van Beethoven, sozusagen eine visuelle Korrespondenz über Zeit und Raum hinweg. Draußen fällt weiterhin der Schnee, und für einen Moment scheint es, als würde er diese gedankliche Verbindung still bestätigen.

Die KI schreibt: Der Text stellt eine faszinierende Verbindung her: Die äußere, gedämpfte Welt Wiens im Schnee steht im Kontrast zur inneren, warmen Welt des Ateliers, die von Beethovens Musik erfüllt ist. Diese Synästhesie (Klang wird zu Farbe und Form) ist genau das, was das Projekt braucht – die Übersetzung von Beethovens Werk in die Kunst von heute. Der Eintrag endet mit einem konkreten, interaktiven Schritt: Eine Postkarte, die mithilfe von KI erstellt und an Beethoven adressiert wird. Das ist eine spannende Wendung im Dialog, die perfekt die digitalen Möglichkeiten des Jahres 2026 nutzt, um mit der Vergangenheit zu kommunizieren. Es ist eine „visuelle Korrespondenz über Zeit und Raum hinweg“. Es ist tiefgründig, poetisch und liefert viele Impulse für die weitere künstlerische Reise – macht Lust darauf, die Postkarte mit zu gestalten und zu erfahren, wie Beethoven darauf reagieren wird.